Wo ist Gott?
Und wieder stehen wir am Anfang der Passionszeit. Einer Zeit, in der uns vor Augen steht, dass das Kreuz menschliches Leben bestimmt. Kreuz, das steht für mich für Leiden, zuersteinmal. Ja, Leiden das kennen Menschen. Früher und heute. Gerade wenn Menschen leiden stellt sich oft die Frage nach dem „Warum“. Das ist - so denke ich - bei allen Menschen. Und ich frage bei dem Leiden, das mich umgibt: Wo bist du, wenn du ein menschenfreundlicher Gott bist? Gerade haben wir am Anfang der Passionszeit am 17.01.05 der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Dazu möchte ich kurz aus einem Roman zitieren: “Eines Tages, als wir von der Arbeit kamen, sahen wir drei Galgen auf dem Appellplatz aufgerichtet, drei schwarze Krähen. Abendappell. Um uns die SS. Maschinen-gewehre am Abzug; die übliche Zeremonie. Drei Opfer in Ketten – und eines von ihnen ist der kleine Diener, der Engel mit den traurigen Augen. Die SS war unruhiger, nervöser als gewöhnlich. Einen kleinen Jungen vor Tausenden von Augenzeugen zu hängen, war gar nicht so einfach. Der Lagerkommandant verlas das Urteil. Alle Augen blickten auf das Kind. Er war totenblass, beinahe ruhig er biss sich die Lippen. Die Galgen warfen ihre Schatten auf ihn. Diesmal weigerte sich der Lagerkapo, als Henker zu fungieren. Drei SS-Leute traten an seine Stelle. Gleichzeitig stiegen die drei Opfer auf die Hocker. Gleichzeitig wurden die drei Nacken in die Schlinge gelegt. „Es lebe die Freiheit“, riefen die beiden Erwachsenen. Das Kind aber schwieg. „Wo ist Gott? Wo ist Er?“ fragt jemand hinter mir. Auf ein Zeichen des Lagerkommandanten hin wurden die drei Hocker umgestoßen. Völlige Stille im Lager. Am Horizont ging die Sonne unter. „Mützen ab!“ schrie der Lagerkommandant. Seine Stimme war heiser. Wir weinten. „Mützen auf!“ Dann begann der Vorbeimarsch. Die beiden Erwachsenen lebten nicht mehr. Ihre Zungen waren geschwollen,bläulich. Aber das dritte Seil bewegte sich noch. Das Kind war zu leicht, es lebte noch.... Mehr als eine halbe Stunde hing er so, im Kampf zwischen Leben und Tod, im langsamen Todeskampf starb er vor unseren Augen. Und wir mussten ihm ins Gesicht sehen. Er lebte noch, als ich an ihm vorüberging. Seine Zunge war noch rot, seine Augen waren noch klar. Hinter mir hörte ich denselben Mann fragen: „Wo ist Gott jetzt?“ Und in mir hörte ich eine Stimme antworten: „Wo Er ist? Er ist hier – er hängt an diesem Galgen...” (Aus dem Roman „Nacht“ von Elie Wiesel) Ich wünsche mir kein Leiden, es gibt es und ständig hoffe ich. Vielleicht ist es ja dieser Gott, dem ich mich anvertrauen will. Ein Gott, der menschenfreundlich ist, der mitleidet, den Weg der Menschen mitgeht – selbst im Leiden. Ein Gott der mitleidet am Leiden der Menschen, der ohnmächtig am Kreuz hängt, der weiß, wie es sich anfühlt, der tiefste Abgrund. Nur so können wir einen Gott denken Angesichts des unermesslichen Leidens der Opfer der Flutkatastrophe, die uns in den letzten Wochen so sehr beschäftigt haben. Das macht das Leiden der Menschen nicht weniger. Und vielleicht gibt es mir Hoffnung. Im mitleidenden Gott ihn erkennen – den Gott, der im Grunde will, dass Menschen friedlich und in Liebe miteinander leben.
Wie wird Gott für mich sichtbar? Teresa von Avila hat einmal gesagt: “Christus hat keine Hände auf Erden, aber eure, Christus hat keine Füße auf Erden, aber eure, euer sind die Augen, durch die Christi Erbarmen in die Welt hinausschauen muss. Euer sind die Füße, mit denen er geht, Gutes zu tun, euer sind die Hände, mit denen er segnet.” Vielleicht ist das die Macht Gottes mit der er auf Erden wirkt. Eine gesegnete Passions- und Osterzeit wünscht Ihnen
Ihr Pfarrer Udo Bruha
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